Der Ausbruch

Mit ein paar Bekannten aus aller Herren Länder, mit denen ich mich dort verabredet hatte, und mit welchen, die überraschend zu uns stießen und die ich zum Teil seit Jahren nicht gesehen hatte, standen wir vor der Bühne, wo gleich palettenweise alkoholischer Nachschub geordert wurde. Ma- nowar lieferten den optimalen Soundtrack zu unserer bizarren Freizeitgestaltung, mit vielen alten und neuen Geschichten, Gelächter, Gelaber und Geschrei. Natürlich redete ich mir ein, dass ich gerade eine der besten Partys feierte, die ich mir vorstellen konnte. Ich redete von magischen Momenten und ersoff nahezu in diesem Zauber. Lange nach Ende des ersten Festivaltages stolperte ich über den Zelt- platz, stürzte in Zelte, krakeelte und machte irgendwelche Leute wach in der Hoffnung, dass sie noch etwas zu Trinken für mich hätten. Ich gab erst Ruhe, als die Sonne wieder aufging. Von meinen Kumpels war nichts mehr zu sehen. Für diese Nacht sollte ich bitter bezahlen. Am Nachmittag des nächsten Tages forderte sie ihren Tribut mit sol- chem Nachdruck, dass mein Weg wieder in die Notaufnahme führte. Was sollte ich zuerst behandeln lassen? Die Entzugserscheinungen oder die üblen Magenschmerzen, die mich deutlich am Tod riechen ließen? Ich wurde fast wahnsinnig, musste das letzte bisschen Kraft aufbringen, das ich zu diesem Zeitpunkt noch besaß, um nicht durch- zudrehen. Ich wollte einfach nicht mehr, ich hatte genug. Wahrschein- lich war ich kurz davor, mein Leben zu beenden. Meine Situation er- schien mir ausweglos, ich sah nirgendwo eine Richtung, in die ich den ersten Schritt hätte gehen können. Wer sollte mir denn jetzt noch helfen können? Stagnation. Ich bewegte mich im Kreis, war genau an dem Punkt, wo ich vor drei Jahren schon war, bei meinen ersten Entzugserscheinungen. Ich erinnerte mich, wie ich bei einem Kumpel war, einem krassen Typen. Bei ihm hatten die Bullen nach der Wende die ersten Drogen in unserer Stadt gefunden und er hatte schonmal im Suff mit einer scharfen Knarre auf seine Frau geschossen. Ge- meinsam mit einigen radikalen Linken hatte er Jagd auf rechte Glatzen gemacht und auf den Maifestspielen in Kreuzberg randaliert, wo er Anfang der Neunziger eine Zeit lang gewohnt hatte. Genauso krass wie er selbst war sein Kaffee, den er mir nach drei durchsumpften Tagen und Nächten angeboten hatte. Der machte mich nicht wach, sondern brachte mich fast um. Es war das erste Mal, dass mein Kör- per mir nicht mehr gehorchte. Es vibrierte in mir, mein Herzschlag stockte und ein unwahrscheinlicher, kaum aushaltbarer Druck lag auf meinem Schädel. Ich zitterte und verkrampfte, meine Arme und Bei- ne wurden taub. Seit diesem Tag setzten immer wieder die Entzugserscheinungen ein. Und genauso fühlte ich mich in Zwickau. Wem konnte ich mich denn anvertrauen? Ich hatte nur noch Säufer um mich herum, Typen, die teilweise so krass waren, dass sie Rasierwasser tranken, wenn nichts anderes mehr im Haus war, Menschen, die sich alles reinknallten, was irgendwelche Rauschzustände entwickeln konnte. Wohin sollte ich jetzt noch fliehen, außer in mich selbst? Es war an der Zeit, mich zu hinterfragen und eine Entscheidung für das Leben zu treffen. In der Nacht zum Sonntag musste der Notarzt noch einmal in unsere Unterkunft kommen, um mich mit einer Faustan in den Schlaf zu schicken. Den Sonntag überstand ich nur mit Mühe. Ich konnte die geilen Bands nicht wirklich genießen und als ich mich am Montag mit dem Motorrad über sächsische Landstraßen in die Heimat quälte, hatte ich wieder viel Zeit zum Nach- denken. Ganze Lieder spukten während des Fahrens durch meinen Kopf. Das war jedes Mal eigenartig und machte die Augenblicke auf dem Motorrad einzigartig für mich. Ich fühlte eine Mischung aus Melancholie und Freiheitsgefühl, wobei ich von letzterem an jenem Tag weniger verspürte.

Am darauf folgenden Wochenende besoff ich mich das letzte Mal. Warum noch einmal nach dem Horror von Zwickau? Ich weiß es nicht. Aber es war definitiv das letzte Mal. Ich bekam mein Schockerlebnis genauso hart, wie ich es brauchte, wie es wahrscheinlich jeder braucht, um von einer Sucht wegzukommen. Ein Schlüsselerlebnis. Ich kotzte meine Seele aus. Erbrach mich, ob- wohl schon seit Stunden nichts mehr im Magen sein konnte. Es war ein jämmerlicher Anblick, als ich mich die Treppen zum Klinikum hoch schleppte. Die Blutproben ergaben eine mögliche Schädigung der Bauchspeicheldrüse, die Chance auf Diabetes. Es reichte! Es reichte wirklich. Scheiß auf die Partys, scheiß auf das Rock ’n’ Roll- Lebensgefühl. Vielleicht könnte ich ich ja erst wieder richtiges Lebensgefühl bekommen, wenn ich endlich trocken sein würde. Ganz sicher sogar! Ich wollte nicht meine Persönlichkeit oder meine Lebenseinstellung ändern, sondern mich lediglich von einer Sucht befreien. Natürlich kann ich auch ohne Suff Musik machen, natürlich kann ich mich von ihm lösen. Erst jetzt glaubte ich, die Wirklichkeit wieder in ihren reellen Farben sehen zu können. Ob sie dadurch schöner oder besser oder einfacher zu ertragen sein würde, hing wohl von mir selbst ab. Ich entschied mich für diesen Weg, weil ich ihn noch eine Weile gehen, meinen Sinn im Leben finden und etwas für mich bewegen wollte. Am Ende wollte ich mir selbst sagen können, dass ich zumindest versucht habe, meine Träume zu verwirklichen und dass mein Leben lebenswert war. Der letzte Whiskey war das Ende einer langen, größtenteils als schön empfundenen Zeit, aber auch der Anfang eines langen Weges in ein völlig anderes und fast unbekanntes Leben. Es war nicht genug, nur das Trinken aufzugeben, ich musste auch die Kraft haben, jetzt eine schwierige Zeit durch- zustehen. Ich konnte eine zwölfjährige Dauerbetankung nicht von einem Tag auf den nächsten wegwischen und so tun, als ob nie etwas gewesen wäre. Zu weit waren die zuständigen Gehirnzellen, die ich noch nicht in den Orbit geschossen hatte, demoralisiert, zu tief hatte sich der Whiskey in meine Magenwände eingefressen. Ich wurde Dauerpatient bei verschiedenen Ärzten. Wirklich helfen konnte mir keiner. Die Medikamente schlugen nicht an. Ständige Entzugser- scheinungen, der Magen schmerzte und die Speiseröhre schien zu glühen. War das der Preis? Es war ja genauso wie vorher, eher schlimmer! Wie lange sollte das gehen? Mit dem Saufen gab ich auch gleichzeitig das Rauchen auf. Wenn ich schon gesund leben wollte, dann richtig. Achtzig Zigaretten täglich waren ohnehin zu viel. Ich wollte irgendwann wieder fit werden und ein halbwegs normales Leben führen.

Am ersten Augustwochenende veranstalteten der Seth Typhon-MC seine Sommerparty und wir sollten unseren ersten Auftritt in voller Länge haben. Am Freitagabend waren am Seegarten in Kirchmöser ungefähr einhundert Leute anwesend, hauptsächlich natürlich Biker, aber auch einige Glatzen und Freunde aus alten Tagen. Der Abend wurde von Backline eröffnet, die ein ziemlich gutes und professionelles Programm boten. Die ehemaligen Heaven Wonder-Mitglieder spielten präzise eine amtliche Rockshow. Der Sound aus ihren Depeche Mode-Tagen hatte sich sehr verändert und ich würde ihn fastals doorslastig beschreiben. Leider schien diese ziemlich überzeugen- de Show niemanden aus dem Publikum zu interessieren. Einer unse- rer Helden lag sogar schon mit dem Schädel auf dem Tisch und pennte. Bei derartiger Lethargie sah ich uns bereits auf wenig Akzep- tanz stoßen. Meine Aufregung hielt sich aber in Grenzen. Scheißegal, da mussten wir nun durch. Schon zu Hard Facts-Zeiten war mir klar, dass ich zu den eher ungeliebten Darbietern gehörte. Dann wollte ich eben in diese Rolle schlüpfen, aber trotz allem nicht aufgeben und einfach weitermachen. Ungeliebt sein hat ja auch etwas und wenn die uns hier mit irgendwelchem Scheiß beschmeißen sollten, würde ich zurückwerfen, soviel war klar. Aber ich sollte mich irren. „Psychoprophylaxe“, „Das Gesicht der Welt“ und der Beifallslärm brach los. Das erlebte ich doch nicht wirklich! Es zog mir kurzzeitig den Boden unter den Füßen weg, da ich mit allem gerechnet hatte, nur nicht mit positiven Resonanzen. „Vaterliebe“, „Der Fürst“, „Relikt aus der Vergangenheit“, die ersten Leute waren auf der Tanzfläche. Das war mir, mal abgesehen von einer Handvoll Punks in der Hard Facts-Zeit, noch nicht passiert. Auch die anderen Anwesenden schienen begeis- tert. Selbst Christian legte seine Schüchternheit an der Gitarre ab und versuchte, visuell ein Stück zur Stimmung beizutragen. Wir wuchsen über uns hinaus. Vor dem Auftritt konnte ich mich vor Schmerzen kaum bewegen, aber alles war in diesem Moment vergessen. Die rich- tigen Leute vor der Bühne gaben uns das Gefühl, genau das Richtige zu tun. Wir fühlten uns von Anfang an mit diesen Leuten verbunden, fühlten, dass sie wenigstens genauso verrückt waren, wie wir selbst. Was waren das doch für Weicheier im Paulikloster vor ein paar Wo- chen! Wir hatten unser Publikum gefunden und spielten uns weiter durch das Programm: „Er“, „Blas’ mir einen“, „Das Signum des Ver- rats“, „Ich bin wie ich bin“, „Soweit“, „Sommernacht“, „Aber bitte mit Sahne“ und tschüss. Und Zugabe. Hatte ich einen an der Waffel? Die wollten tatsächlich mehr! Okay, „Für Maja“. Immer noch nicht genug? Noch einmal „Ich bin wie ich bin“ und dann war endlich Schluss. Bei den Onkelztiteln war die Stimmung natürlich auf dem Siedepunkt, aber auch unsere eigenen Songs wurden zunehmend ge- feiert. Lange schon hatte ich nicht mehr so einen glücklichen Tag er- lebt. Else sah es wohl ähnlich. Kurz zuvor hatte er den „Idiotentest“, die medizinisch-psychologische Untersuchung für Verkehrssünder,bestanden und seinen Führerschein wiederbekommen und nahm das als Anlass, sich an diesem Tag wieder sein erstes Bier zu genehmigen. Alles war umsonst, denn obwohl er mir sagte, er habe es im Griff und würde es nicht mehr so schlimm treiben wie früher, wusste ich schon zu diesem Zeitpunkt, wo es enden würde. Ich kannte doch die ganze Scheiße! Else befand sich längst wieder auf Talfahrt, er wusste es nur noch nicht. Ich verließ bald darauf das Gelände, da sich mein Magen wieder meldete. Kurz darauf brach ich zusammen.

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