Home Bibliothek Tagebuch Zum Gedenken an Sven Beuter
Zum Gedenken an Sven Beuter
Samstag, den 18. Februar 2012 um 17:41 Uhr

Am vergangenen Mittwoch jährte sich der Tag zum sechzehnten Mal, an dem Sven Beuter umgebracht wurde. Ich will an dieser Stelle die im Internet kursierenden, blutigen Beschreibungen nicht bemühen, nicht die bildhaften Darstellungen des Überfalls auf ihn weitergeben, seinen mehrtägigen Todeskampf im Krankenhaus nicht erläutern. Eine Weile lang war es für mich fraglich gewesen, ob ich an einer Gedenkveranstaltung teilnehme. Eigentlich mache ich mir meine Gedanken für mich selbst, brauche Ruhe, wenn ich über den Tod nachdenke. Ich gedenke lieber in mir, in stiller Umgebung, auch um auszuloten, wie es mir mit verschiedenen Dingen geht, so auch mit dem brutalen Mord an Sven. Ich bin ein Gefühlsmensch, aber auch einer, der seine Emotionen nicht gerne zeigt. Die Gedenkveranstaltung war Anlass, mich mit einem alten Weggefährten zu beschäftigen, viel intensiver, als in all den Jahren nach seinem Tod, in denen Sven Beuter für mich nur noch ein Name war, der mit einem Verbrechen im Zusammenhang stand.


Sven Beuter ist tot. Viele Menschen sind es, die Opfer von Gewalt wurden. Wer war Sven eigentlich? Ich habe ihn in der Lehre kennengelernt. Er wurde dort gehänselt, wegen seiner Größe, wegen seiner unsicheren, nasalen Aussprache, so lange, bis er letztendlich ein massives Stahlrohr griff und es einem seiner Peiniger auf den Kopf schlagen wollte. Er hätte es geschafft, wenn nicht ein anderer Lehrling ihn von hinten zurückgerissen hätte. Nur so konnte er sich helfen, wenn ihm jemand bedrohlich nahe kam. Ich weiß nicht, ob er fähig gewesen wäre, irgendwann Amok zu laufen, will darüber nicht spekulieren, aber ich hätte es verstanden. Sven hat viel durchgemacht in seinem Leben, musste zu Hilfsmitteln greifen, um sich gegen seine körperlich immer überlegenen Gegner zu wehren. Nachdem sein Vater ihm lange Zeit schlimmes angetan hatte, griff er irgendwann zu einer Axt. So hat er es mir erzählt. Dann ist er in ein Heim gekommen, was die nächsten deutlichen Spuren in ihm hinterließ. Sven ist von einem Martyrium ins nächste geraten, DDR-Kinderheime waren nicht mit den heutigen zu vergleichen. Vielen ihrer Insassen tragen immer noch schlimme Erinnerungen in sich. Auch ich habe Sven damals nicht geschützt, als er Unterstützung gebraucht hätte. Ich war einer von denen gewesen, die es zumindest geduldet haben, dass er misshandelt worden ist. Wir hatten einen rauen Umgangston...

Irgendwann dann sind wir doch so etwas wie Kumpel geworden, keine Freunde, aber wir haben Zeit miteinander verbracht, haben getrunken und sind auf Konzerte gefahren. Ich werde traurig, wenn ich an ihn denke und daran, wie seine Augen geleuchtet haben, wenn er Aufmerksamkeit bekam, wenn sich jemand mit ihm unterhalten hat und ihm vor allem nichts böses wollte, ihm, dem gerade einmal knapp über vierzig Kilo schweren, eher kleinwüchsigen Menschen, der in seinem Leben so viel hat einstecken müssen. Jedoch waren wir damals selbst schon zu abgestumpft, um über das zu reden, was uns bewegte. Wir waren noch zu dicht dran an den Dramen unserer Kindheit, zu misstrauisch unseren eigenen Gefühlen gegenüber und dem Wagnis, sie anderen anzuvertrauen. In einem hatte einer der Redner der Gedenkveranstaltung am Mittwoch sicherlich Recht: Um das Grundgesetz haben wir uns einen Dreck geschert, denn wir sind in unseren Leben nie nach Artikel 1 der in der deutschen Verfassung verankerten Grundrechte behandelt worden, weder von den Mächtigen des Staates, der sich DDR nannte, noch von den Gewalttätern in unseren Familien. Wie sehr handeln wir denn heute nach diesem Artikel, nach dem wichtigsten eigentlich, in Zeiten, in denen Menschen gnadenlos ausgebeutet werden. Ein schönes Stück Papier scheinbar, dieses Grundgesetz, das schon lange durch viele entwürdigende Gesetze aufgehoben wird. Entwürdigung... Eigentlich müsste auch ich heute ein zutiefst hassender Mensch sein. Der bin ich nicht geworden, glücklicherweise. Ich bin ein zorniger Mensch, einer, der Ungerechtigkeiten nicht verträgt, den Verachtung wütend macht. So macht mich auch Svens Mörder wütend, der das Land verlassen hat, der auch heute noch seine menschenverachtende Ideologie zur Schau trägt, der von seinen Bekannten als „guter Kumpel“ beschrieben wird, den junge Mädchen in sozialen Netzwerken einen „netten Kerl“ nennen. Ich wünsche diesen, oft nach Sicherheit suchenden, vielleicht irgendwo allein gelassenen Frauen, die eine vermeintliche Stärke eben in solch gewalttätigen, lebensverachtenden Menschen sehen, dass sie nicht am eigenen Leib die Erfahrung machen müssen, dass eben genau diese Menschen nicht auch vor Verachtung und Gewalt gegenüber den Vertretern ihrer eigenen "Rasse", ihrer Frauen und Familien halt machen werden, wenn ihre Höllen sie überkommen. Gewalt passiert auch verbal. Sven Beuter hat beides erleben müssen. Die Angriffe auf seinen Körper und auf seine Seele... Dinge passieren, weil sie aufgrund unserer Geschichten scheinbar nicht anderes geschehen können. Es gibt Menschen, die sich in einem Irrgarten bewegen, die keine Wahl hatten, weil sie niemand vor Entscheidungen stellte. Menschen wie ich, wie Sven Beuter, ja vielleicht sogar sein Mörder. Wir bekamen keine Wege aufgezeigt, konnten uns nur in unseren eng abgesteckten Weltbildern bewegen, in meinem Fall mit verzweifelten, zaghaften bis wütenden Ausbruchsversuchen, um immer wieder im Dilemma meines krankmachende Umfelds zu landen. Ich selbst bin heute noch lange nicht der Mensch, der ich gerne sein will. Denn zu oft holt mich die eigene Vergangenheit ein, spüre ich meine eigene Bedrängnis, die sich um mich aufgebaut hat. Dafür aber mache ich niemanden mehr verantwortlich. Ich spüre tief in mir das Gute, und das möchte ich leben. Ich habe keinen Hass in mir, manchmal aber schwer zu bändigende Wut, die ich dann in andere, weniger zerstörerische Kanäle zu lenken versuche. Die Erkenntnis, dass auch in mir die Gewalt lebt, auch in mir ein Stück des Schlechten existiert, hilft mir, meinen Weg gewaltfrei zu gehen.

Wie gehen wir, die Lebenden, miteinander um? Wir hänseln oft, machen nieder, werten ab, verachten Leben. Es ist der normale Wahnsinn, in dem wir leben und in dem die Gefühle eines Menschen letztendlich nicht zählen. Sich einfach nur nach links oder rechts zu stellen hat meiner Meinung nach weder die Welt verbessert noch mir persönlich etwas genutzt. „Kein Vergeben und kein Vergessen!“ ist für mich eine brutale Losung, deren Dogma uns wohl nie aus unserem Teufelskreis von Aktion und Reaktion, von Tat und Rache entlässt, Wir sollten vergeben. Ich musste es selbst tun, musste meinen Peinigern verzeihen, aber werde nie vergessen, was mir angetan wurde. Es gibt genügend Situationen in meinem Leben, in denen ich schmerzhaft daran erinnert werde. Sind nicht genug Menschen umgekommen, vor allem Menschen am unteren Ende unseres sozialen Gefüges? Ist es nicht genug damit, sich gegenseitig umzubringen? Hat die Geschichte nicht gelehrt, dass Extreme in keinem Fall gut sind? Der Mittelweg, das ständige Hinterfragen des eigenen Tuns, hilft meiner Meinung nach weitaus mehr, sich und anderen ein erfülltes Leben zu gestalten. Flüchte ich mich in Extreme, werde ich sehr schnell ungerecht. Ich muss heute Menschen um mich herum akzeptieren, mit denen ich gewalttätige Erfahrungen gemacht habe. Ich mag diese Menschen nicht, werde sie in diesem Leben nicht mehr meine Freunde nennen können. Aber ich will keine Rache mehr.

Stelle ich mich nach links, weil ich da Gutes vermute? Unter Fahnen fühle ich mich nicht wohl. Ich messe Menschen nicht daran, unter welcher Flagge sie propagieren, sondern wie sie sich in ihrem Alltag verhalten. Ob sie ihre Herzen sprechen lassen, ob ich etwas Gutes in ihnen spüre. Und das tue ich mittlerweile bei vielen. Mir sind die Menschen sympathisch, die Scheiße gebaut haben und es vielleicht sogar noch tun, aber sich selbst hinterfragen und darum bemüht sind, etwas in ihrem Leben zu verändern. Ich persönlich brauche keine Fahnen, keine Bezeichnungen, um mich irgendwo zugehörig zu fühlen. Durch mein Handeln, durch das Leben meiner eigenen Werte, zeige ich Flagge. Für mich fängt Antifaschismus im täglichen Leben an. Wie gehe ich mit meiner Familie, dem Arbeitskollegen, der Verkäuferin, ja sogar mit meinen Gegnern um? Erst, wenn ich selbst Menschen mit Wertschätzung begegnen kann und denen mit Empörung gegenüberstehe, die andere abwerten, dann erst kann ich sagen, dass ich einiges zur Verbesserung der Welt beitrage. Es lohnte sich, die eigenen Verhaltensweisen zu hinterfragen. Der Gang eines Menschen kann durchaus aufrecht werden. Vermummungen dagegen sind mir suspekt, egal ob sie von Polizisten oder Autonomen getragen werden. Vermummte schaffen kein Vertrauen in mir. Ich meine zu spüren, welche meiner Mitmenschen Humanismus fühlen und leben. Dieser Humanismus schließt Antifaschismus selbstverständlich ein und muss nicht gesondert ausgewiesen werden...

Lasst uns Fragen stellen, anstatt Vorwürfe zu erheben. Ich glaube, Menschen erreichen wir nur über ihre eigenen Gefühle, über das, was sie bewegt, darüber, dass wir sie dafür sensibilisieren, was in anderen Menschen vor sich geht. Denn diejenigen, die sich bekämpfen, sind oft nicht so unterschiedlich. Bei einigen habe ich das Entsetzen gespürt, als Details über den Tod von Sven ans Licht kamen. Das war echt, das waren gelebte Gefühle und sicher nachhaltigere Eindrücke. Wie ist es, wenn ein Mensch, den man liebt, einfach totgeschlagen wird, eine Mutter, ein Kind, ein Freund? Selbst, wenn er mich nicht direkt betrifft: Was löst ein ermordeter Mensch in mir aus? Diese Frage können wir nur in unserem Herzen beantworten, nur nehmen wir uns dafür leider keine Zeit. Selbst auf der Gedenkveranstaltung kamen plötzlich Vorwürfe zum Tragen. Plötzlich ging es um eine beschmierte Haustür, deren Verunstaltung eine Anwohnerin den Kundgebungsteilnehmern unterstellte. Die Tür war schon im Vorfeld beschmiert worden, mit einer augenscheinlichen Nazi-Losung. So viel Hintergrundwissen schien die sich echauffierende Dame nicht zu besitzen und war auch scheinbar nicht darum bemüht. Natürlich sind die Vorwürfe eines Kundgebungsteilnehmers, dass dieselben Anwohner Sven in seinem Todeskampf nicht geholfen hätten, genauso fehl am Platz gewesen. Es ist das typische Problem, dass Menschen schreiend loslaufen, schon Messer wetzend mir ihrer abstrusen Wahrheit im Kopf, ohne sich die Zeit genommen zu haben, den Sachverhalt zu klären, Hintergründe zu beleuchten und sich über alle Zweifel erhaben sogar in Kriege hineinstürzen. Vorwürfe ärgern mich. Und es ärgert mich, dass plötzlich eine beschmierte Tür zum Thema wurde auf einer Kundgebung, in der es um ein Menschenleben ging. Ich glaube, mit Vorwürfen kommen wir nicht wirklich weiter, auch nicht, wenn die Wut uns packt.

Ich konnte die Aufregung desjenigen verstehen, der sich echauffierte, als Sven Beuter in einem Redebeitrag ein „Genosse“ genannt wurde. Das war er sicher nicht. Wir sind damals froh gewesen, dass die Gängelungen zeitgleich mit der DDR endlich ein Ende gefunden hatten und ahnten nicht, dass es bald neue geben würde. Ich kann aber auch die Empörung derjenigen verstehen, die eben diesen Mord auf der politischen Ebene sehen und versuchen, genau dort etwas zu bewegen und die auf der Veranstaltung letztendlich durch Zwischenrufe gestört wurden von jemanden, der scheinbar mit seiner Trauer und seiner Wut nicht anders umgehen kann, als sie im Alkohol zu ertränken. Wie wir mit all dem umgehen, welchen Raum und welche Lösungswege ein jeder für sich findet, mag ich nicht zu beurteilen oder vorhersagen wollen. Wichtig ist, dass wir effektive finden. Das können wir natürlich nur in dem Maße, wie es uns im Moment möglich und erträglich ist. Ich persönlich mag besoffene Menschen überhaupt nicht, ertrage sie kaum, aber achte sie dennoch als Menschen. Ich gebe zu, dass mir das aufgrund eigener Erfahrungen nicht immer leicht fällt. Mich störten Teile der Reden, denen ich nicht immer folgen konnte, weil sie mich an alte Agitationen erinnerten, mich störten aber auch die Störungen dieser...

Sven Beuter hätte sicher gerne, genauso wie ich, in einer gemeinsam gestalteten, friedlichen, sozial gerechten und humanen Welt gelebt. Alleine dass wir, die so unterschiedlich denkenden Menschen, darüber wieder vermehrt im Gespräch sind, lässt seinen schrecklichen Tod wenigstens nicht ganz so sinnlos erscheinen…

Trotz meines  zeitweisen Unbehagens fand ich es wichtig, an der Gedenkveranstaltung teilgenommen zu haben...

 

Bücher

Toddes TageGeschWhiskey

 

Newsletter




Shops

Tonträger  Bücher

Shop

amazon

Termine

Keine aktuellen Veranstaltungen.

Netzwerke

MySpaceYouTubeFacebook