Gedanken zu Robert, Ronny und anderen/m

Es ist schrecklich, furchtbar schrecklich, wenn ein junger Mensch sich das Leben nimmt. Ich konnte ihn nicht verpassen, den Tod des Robert Enke, der als mediales Großereignis in nahezu allen Wohnzimmern präsent ist. Endlich hat ein Selbstmörder ein Gesicht, das fast ganz Deutschland kennt. Anders als die ca.10000 Menschen, die sich jährlich in unserem Land das Leben nehmen und deren Gesichter meist nur vergleichbar wenige Menschen kennen. Mein Kumpel Ronny kannte Robert Enke sogar persönlich. 

Er ist ihm damals in Jugendturnieren oft begegnet, wenn Stahl Brandenburg gegen Carl Zeiss Jena gespielt hat. Und Robert war ehrgeizig. Zum besten Torwart des Turniers gewählt, ärgerte er sich sehr, dass Ronny, der bester Torschütze wurde, ihm den einzigen Gegentreffer verpasst hatte. Beides Spieler, die mit einem großen Talent am Ball gesegnet waren. Dann verliefen die Karrieren, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Enke ging in die Bundesliga, Primera Division, Nationalmannschaft, Ronny in die Kreisliga und in die Alkoholsucht. Beide standen unter starkem Leistungsdruck, beide sind von schlimmen Verlusten gezeichnet, der eine steht im Fokus der Weltöffentlichkeit, der andere nur hin und wieder auf Seite 7 der „Märkischen Allgemeinen“. Ronny ist trocken, lebt und trainiert eine Frauenfußballmannschaft. Robert Enke ist tot. Der eine stellte sich Therapien, mit ihrer ganzen Härte und Konsequenz, der andere sah keinen Weg für sich, Hilfe in vollem Umfang in Anspruch zu nehmen.
 
Erst fand ich es sehr bedenklich, dass Teresa Enke sich schon wenige Stunden nach dem Tod ihres Mannes vor Kameras setzte, um in einer Pressekonferenz Informationen über die Hintergründe zum Tod ihres Mannes zu geben. Im Nachhinein fand ich den Schritt sehr mutig und auch richtig, denn das, was sie sagte, gab hoffentlich Anlass zum Nachdenken und könnte, wenn die Worte wirklich ankommen, Werte in der Gesellschaft verändern. Vielleicht, wenn viele betroffene Menschen in sich gehen... Was mich an dieser Pressekonferenz störte, war das widerliche, nicht enden wollende Blitzlichtgewitter der Reporter, die einfach respektlos handelten und die Sensibilität dieser Stunde scheinbar nicht spürten. Was aber sagte Frau Enke? Sie gab Einblick in ein Leben, das viele Menschen kennen, es jedoch nicht wagen, sich zu outen. Menschen, die krankheitsbedingt oder seelisch belastet nicht mehr die geforderten 120% geben können, geraten schnell ins Abseits. Diese Menschen bekommen Angst. Angst vor der Verlust des Arbeitsplatzes, Angst, einen Status aufgeben zu müssen, Angst vor Enttarnung, am Pranger zu stehen und im Fall von Robert Enke  die Angst, noch einmal ein Kind zu verlieren, weil er aufgrund seiner Erkrankung die "Elternbefähigung" hätte verlieren können. Mir selbst, einem psychisch labilen Menschen, wurde übrigens auch schon gesagt, dass Leute wie ich keine Kinder erziehen dürften. Für solch schwachsinnigen Aussagen habe ich heutzutage nur ein müdes Lächeln übrig. Und doch ärgert mich diese Ignoranz hin und wieder. Will man mir das Recht absprechen, Kinder zu zeugen, sie lieben zu dürfen und mich im Rahmen meiner Möglichkeiten um sie zu kümmern, nur weil in meinem Leben etwas schief gelaufen ist und weil ich krank geworden bin? Ich habe oft hinter die Kulissen sogenannter Bilderbuchfamilien geschaut und nach dieser leider weit verbreiteten Auffassung hätte niemand von denen Kinder haben dürfen. Aber darum scherte sich niemand, weil äußerlich ja alles okay und solide war. Ist es nicht richtig zu sagen: "Ich habe hier und dort Probleme und benötige Hilfe?" Ist das nicht viel ehrlicher, sympathischer und hilft man diesen Menschen nicht gerne? Ich schon...
 
Es ist tragisch, dass Robert Enke die Anlaufstationen nicht in dem Umfang genutzt hat, der nötig gewesen wäre, um ihn zu retten. Es gibt wirklich gute professionelle Hilfe. Manchmal muss man ein wenig suchen, weil so manch Helfer auch ein wenig hilfebedürftig ist, es aber nicht weiß. Nur davon würde ich mich nicht mehr entmutigen lassen. Es gibt wirklich gute Stellen und Behandlungsmöglichkeiten, welche glücklicherweise sogar von den Krankenkassen (noch) finanziert werden. Nur ist die Wahrnehmung in der Bevölkerung doch immer noch eine andere. Zwar gibt es positive Tendenzen, doch das ist noch lange nicht genug. Psychische Erkrankungen, die mittlerweile einen der Spitzenplätze bei den diagnostizierten Erkrankungen einnehmen, werden immer noch mittelalterlich verteufelt und Betroffene stigmatisiert. Von daher waren Enkes Ängste nicht ganz unbegründet, zumindest im Bezug auf sein Bild in der Öffentlichkeit. Hätte man nicht schon bei Sebastian Deisler aufmerksam werden müssen? Tödlich verlaufende Krankheiten, Unfälle, Verlust, das alles ist schlimm, aber das sind Dinge, die wir nicht ändern können. Was wir ändern könnten wäre, dass wir uns wieder den Raum geben, angemessen trauern zu können, um nicht schon ein paar Tage nach einem Unglück wieder in Leistungsdruck und Spaßgesellschaft integriert zu sein. Wenn das denn überhaupt notwendig ist. Gibt es denn noch Familien, in denen mit diesen Dingen angemessen umgegangen wird, in denen Platz für Trauer und Ängste sind? So etwas regeln doch die Betroffenen heutzutage oft in der Psychiatrie, wenn sie Jahre später ein Trauma wieder einholt und sie merken, dass dort eben doch mehr geschehen ist, als sie sich eingestehen wollten. Nur finden leider viele den Weg dorthin nicht.
 
Ich musste vorgestern natürlich auch sofort an den Lokführer denken. Statistisch gesehen nimmt ein Lokführer dreimal in seinem Berufsleben die seelischen Belastungen von Selbstmördern auf seine Schultern. Was ist eigentlich mit den Polizisten, Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern und Ärzten? Rettungskräfte sind logischerweise stark von psychischen Belastungen betroffen. Wer will es ihnen verdenken, bei dem, was sie täglich leisten? Auch unter den Helfenden kommt es vor, dass sich einige später das Leben nehmen, weil sie Erlebtes nicht entsprechend verarbeiten konnten. Professionell wäre es meiner Meinung nach, in helfenden Berufen, ständig in psychologischer Betreuung zu sein. Leider sieht es in der Praxis ganz anders aus. Viele denken, genügend „Stärke“ zu besitzen, flüchten sich dann aber irgendwann in Zynismus und Krankheit. Ich denke, schon in der nächsten Woche haben wir ein anderes mediales Großereignis und wir machen alle weiter wie bisher. Es wird keinen Lerneffekt geben.Wie viel Geld würde es auch kosten, wirkliche Veränderungen zu gestalten, so dass wirklich alle Betroffenen entsprechend betreut werden bzw. dass psychische Krankheiten, die ich übrigens aufgrund der Wechselwirkungen von körperlichen nicht unbedingt trenne, endlich den Status erreichen, der ihnen zusteht? Und wollen wir uns das überhaupt leisten? Laut Kassenärztlicher Vereinigungen gibt es genügend Psychologen. Die Wartelisten sprechen eine andere Sprache. Unvorstellbar, wenn wirklich alle Betroffenen jetzt sofort Hilfe in Anspruch nehmen wollten.  Die Wartezeiten sind lang und selbst bei Akutbehandlungen ist es oft schwer, einen Platz in einer Klinik zu bekommen, von denen die meisten auf Rendite aus sind und Plätze nicht mehr unbedingt so belegt werden, dass Patienten die bestmögliche und auch angemessene Behandlung bekommen. Dabei meine ich natürlich nicht die Arbeit an der Basis, nicht die Helfenden und Pflegenden, deren Berufe ihre Berufungen sind, sondern die gnadenlosen Ökonomen, deren Vorstellungen von Patienten sich auf Excel-Tabellen beschränken.  Und da müssten wir vielleicht wieder einmal anfangen, dieses ganze System in Frage zu stellen und die gestern noch in Tränen ausgebrochene Nationalmannschaft könnte sich fragen, ob sie zukünftig vielleicht auch für weitaus weniger Kohle auflaufen würde, um freiwerdende Gelder endlich wieder sinnvoll im Sozialsektor einzusetzen. Auch das könnte die Wahrnehmung in der Bevölkerung verändern und unsere Werte in Frage stellen. Natürlich trifft das nicht nur auf ein paar Fußballspieler zu, sondern auf die Wirtschaft generell. Nur: Hier fange ich an, mich  mal wieder zu wiederholen... Wie schon erwähnt: Ich denke, nach der Beerdigung ist für das Gros der Menschen das Thema abgeschlossen und nur noch die Betroffenen (immerhin gelten Depressionen als vierthäufigste Diagnose in unserem Land) werden sich mit den Widrigkeiten umher schlagen müssen oder aber auch aus dem Leben scheiden. Ruhe in Frieden Robert Enke, der Du ein sympathischer Kerl warst! Ich bin froh, dass mein Freund Ronny lebt, auch wenn er kein Fußballstar wurde...
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