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Der Sperling

spatz

Nachdenklich blickte ich in den strahlenden Tag, der sich anschickte, der Welt einen „Guten Morgen“ zu wünschen. Die Haustür fiel hinter mir ins Schloss und mir war zum Heulen zumute. Ich hielt es einfach nicht bei ihr aus. Nur für Momente konnte ich ihre Nähe genießen. Diese wundervollen Nächte, die wir zusammen verbrachten, die Zärtlichkeiten und Liebkosungen, welche wir dabei austauschten, diese endlosen, erfüllenden Gespräche, die wir führten, nichts von allem konnten mich dazu veranlassen, auch den Tag mit ihr zu verbringen. Etwas trieb mich nach Hause, oder zumindest an den Ort, an dem ich glaubte, es zu sein. Eben wollte ich mich entschließen, auf mein Motorrad zu steigen, als ich ein geradezu klägliches Piepsen vernahm. Schnell wurden meine Sinne wach. Ich musste nicht lange schauen, bis ich den kleinen Vogel entdeckte, der neben meinem Motorrad im Gras saß und mich anschaute. Wahrscheinlich wäre ich auf ihn drauf getreten, wenn er sich nicht bemerkbar gemacht hätte. Es war ein kleiner Sperling.  Ab und zu flatterte er mit den Flügeln und ließ sein hohes schrilles Piepsen vernehmen. Mir entfuhr ein: „Hey kleiner Spatz, was machst Du denn da?“ Schnell sah ich mich um, ob es jemand mitbekommen hatte, wie ich mit dem Vogel redete. Eine Antwort erwartete ich natürlich nicht, obwohl ich mir die Frage ernsthaft stellte. Vielleicht war der kleine Sperling ja verletzt? Er war sicher verletzt, so hilflos, wie er dort umherflatterte! Was sollte ich tun? Mit Sorge dachte ich an die vielen streunenden Katzen,die oft im Hof herumlungerten. Scheinbar waren die nur darauf bedacht, andere Tiere zu erlegen. Plötzlich tauchten vor mir blutige Bilder auf. Ich phantasierte, wie es wäre, wenn so ein garstiges Geschöpf über diesen kleinen, hilflosen Vogel herfallen würde. Und wenn es so kommen würde, dann hätte ich Schuld, wenn ich weggefahren wäre und ihn einfach sitzengelassen hätte. Das konnte ich mit meinem Herzen nicht vereinbaren. Wieso empfand ich bloß so für diesen Vogel, der gerade einmal zwei Minuten vorher in mein Leben getreten war? Sollte ich ihn erst einmal mitnehmen und zu ihr in die Wohnung bringen? Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass sie mich auslachen könnte und nicht verstehen würde, wie es mir ging, mit diesem kleinen, hilflosen Vogel. Tierlieb war sie eigentlich, nur eben zu den meisten Menschen sehr hart … Nein, das hier musste ich selbst irgendwie erledigen. Mir fiel der Park vor der Stadt ein. In natürlicher Umgebung wurden dort verletzte und kranke Tiere gepflegt, ältere erhielten ihr Gnadenbrot. Sicher würde mir dort jemand helfen können. Entschlossen nahm ich den Sperling vom Boden auf. Der fand das scheinbar überhaupt nicht gut, denn er wehrte sich und protestierte entschieden. Bald merkte das kleine Tier jedoch, dass es gegen die übermächtige Hand nicht ankam und ergab sich seinem Schicksal. Nun konnte ich den Vogel in aller Ruhe vorsichtig in die Innentasche meiner Jacke betten. Kurz darauf fuhr ich auf die Straße, die aus der Stadt führte. Vögel nahmen in meinem Leben immer einen besonderen Status ein. Wenn ich an sie dachte, verband ich damit ein Gefühl von Freiheit. Ich sah mächtige Adler über mir am Himmel kreisen, in der grenzenlosen Leichtigkeit ihres Seins. Möglich, dass ich sie darum beneidete. Aber war nicht die Freiheit selbst für Adler nur relativ? Vielleicht war es nur das Fliegen, das sie in meinen Augen frei machte. Mussten nicht auch sie für ihr Futter sorgen? Trugen sie nicht nahezu jeden Tag ein Überlebenskampf aus, mussten ihre Jungen füttern und den Fortbestand ihrer Art sichern? Und starben sie nicht auch schließlich, wenn sie zu alt und zu schwach wurden? Im Gegensatz zu mir rettete sie kein soziales Versorgungssystem und gab ihnen noch ein paar Tage, Wochen oder Jahre länger zu leben. Fühlte ich mich deshalb dem kleinen Vogel in meiner Jacke verpflichtet? Eine geschlossene Bahnschranke unterbrach meine Gedankengänge. Vorsichtig öffnete ich meine Innentasche. Zwei dunkle Augen blickten mich erwartungsvoll an. Hoffentlich verletzte er sich darin nicht. Schnell schloss ich die Tasche, wartete, bis sich die Schranke öffnete und fuhr weiter. 

Als ich endlich in der kleinen Siedlung vor der Stadt ankam, war ich froh, gleich die Verantwortung für das Tier abgeben zu können. Ich suchte mir einen Weg durch den Park, vorbei an großen Volieren mit Eulen und Bussarden und an Gehegen mit anderen Tieren. Ja, hier würde es der kleine Spatz gut haben. Nach einiger Zeit fand ich endlich eine Tierpflegerin, eine Frau mittleren Alters, die damit beschäftigt war, Laub zwischen den Bäumen zu harken. Sie sah mich wohl nicht kommen, denn sie erschrak ein wenig, als ich sie ansprach. Ich nahm den Spatz aus meiner Jacke und hielt ihn ihr hin. Während ich ihr die Geschichte erzählte, streichelte ich seinen Kopf. Er hatte wohl aufgegeben, sich zu wehren. Irgendwie hatte ich ihn bereits lieb gewonnen in seiner Hilflosigkeit. Die Tierpflegerin schaute ihn sich kurz an. In nicht gerade freundlichem Ton gab sie mir zu verstehen, ihn schnellstens dorthin zurückzubringen, wo ich ihn her hatte. „Das ist ein Jungvogel, der gerade flügge wird. Er lernt das Fliegen, verstehen Sie?“ Ich kam mir nun reichlich blöd vor. Wollte sie mir gar etwas Boshaftes unterstellen? Einen letzten Vorstoß wagte ich dennoch: „Aber, dort streunen so viele Katzen umher. Wenn ihn nun eine schnappt?“Fast mitleidig sah sie mich an, jedenfalls empfand ich es so, als sie erwiderte: „Dann ist es eben so. So ist nun einmal die Natur.“ Ich fühlte mich peinlich berührt, wegen meiner Unwissenheit, wegen meiner Naivität. Nachdenklich ging ich zurück. Mir gingen die Worte der Tierpflegerin nicht aus dem Kopf. War ich nicht auch so etwas wie ein Vogel, der nicht flügge wurde? Warum zog es mich fast magisch aus dem Bett, der Wohnung und der Umarmung einer Frau, die ich glaubte zu lieben, zu meiner Mutter in ein scheinbar sorgloses Leben? Dieser Vogel in meiner Tasche immerhin bemühte sich, das Fliegen zu lernen. Doch wann flog ich? Vielleicht hatte ich ja nur mein eigenes Empfinden auf den kleinen Vogel übertragen. Einige Male hatte ich immerhin schon mit den Flügeln geschlagen und versucht, mich aus dem Gefühl der Umklammerung zu befreien. Aber jedesmal war Mutter stärker. Genaugenommen hatte sie jahrelang darauf hingearbeitet. Sie schützte mich vor meinen 

Gefühlen, hielt mich für zu schwach, Wahrheiten zu ertragen. Sie redete mich schwach und gab mich nicht frei. Doch war sie nicht selbst schwach und schützte eigentlich nur sich? War es nicht zu schwach, dass sie sich nicht ihren eigenen Konflikten stellte und sich mit ihrer eigenen Einsamkeit auseinandersetzte? Es wären sicher unangenehme Fragen gewesen, die sie sich hätte stellen müssen. Scheinbar war es leichter, die Schwäche in mir zu sehen, als die eigene Hilflosigkeit. Ich glaube, sie schützte sich selbst, vor einer Wahrheit, die sie nicht ertrug. Meine Schwäche war ihre vermeintliche Stärke. Sie wusch, sie kochte, beschützte mich vor Katastrophen, nur reden konnte ich mit ihr nicht. Nicht über das, was mich bewegte, meine Ängste, meine Träume, meine Wut. Für Mutter war es eher wichtig, dass ich rundum versorgt war, Geld verdiente und genug zu Essen hatte. Auf emotionaler Basis jedoch ließ sie mich verkrüppeln. So, wie ich die Flügel dieses kleinen Sperlings verkrüppeln wollte. Natürlich gab es die Gefahr, dass er sich verletzte, aber ich war dabei, ihm noch weitaus größeren Schaden zuzufügen, indem ich ihn hinderte, sich auf das Leben vorzubereiten, ja sein Leben zu leben. Ich stieg aufs Motorrad und fuhr ziemlich schnell davon. Je mehr ich darüber nachdachte, umso wütender wurde ich. Mit welchem Recht hielt mich meine Mutter so klein? Warum redete sie mir ein schlechtes Gewissen ein, wenn ich mich von ihr lösen wollte? Warum hinterließ sie mir ein Leben in Angst? Aus Egoismus? Sie hatte es mir vorgelebt, klein zu sein. Sie wusste immer, was gut für mich sein sollte, tat aber niemals etwas für sich. Für sich hatte sie nie gekämpft. In diesem Moment fühlte ich mich um mein Leben betrogen. 

Immer noch nachdenklich kam ich wieder auf dem Hof an. Ich öffnete die Jacke und nahm den Vogel aus ihr heraus. Vorsichtig setzte ich ihn auf das oberste Ende eines Wäschepfahls. Er hüpfte sofort hinüber und sah sich um. Ich hatte das Gefühl, dass er sich freute, der Dunkelheit meiner Innentasche entronnen zu sein und wieder frische Luft zu atmen. Ich ging ein Stück weg vom Wäschepfahl und ließ ihn allein. In einem Torbogen versteckte ich mich und beobachtete die Situation. Was würde er tun? Er blickte sich noch eine Weile um und sprang dann plötzlich vom Pfahl. Für einige Momente hielt er sich in der Luft, bevor er auf der Wiese landete. Nachdem er dort einige Zeit saß, bewegte er die Flügel wieder schneller und sprang umher. Ich bemerkte, wie kurz darauf zwei weitere Vögel angeflogen kamen. Der eine setzte sich auf den gleichen Wäschepfahl, auf den ich den jungen Vogel gesetzt hatte. Der andere flog direkt zu ihm ins Gras. Dann flog er immer wieder auf und ab und wenig später verschwand er für einige Zeit, um bald darauf wiederzukommen. Mein Sperling schien gute Eltern zu haben. In diesem Augenblick war ich mir ziemlich sicher, dass ich beruhigt nach Hause fahren konnte, weil alles wohl so geschehen würde, wie es geschehen sollte. Möglicherweise hatte ich an diesem Tag etwas gelernt. Aber warum stand ich immer noch so unschlüssig in dem Torbogen? Sollte ich wieder zu ihr in die Wohnung gehen? Vielleicht war die Zeit dafür noch nicht reif, das Erkannte umzusetzen. Ich setzte mich auf das Motorrad und fuhr los. 

 

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