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Schon im Vorfeld fragte ich mich, wie es mir bei dieser Lesung gehen würde. Wie würde es mir gehen, an einem Ort, an dem ich lange Zeit selbst Patient war, ein Ort, den ich auch heute noch aufsuche, wenn es mir nicht so gut geht? Wie geht es mir nur ein paar Schritte entfernt von meiner Insel des Friedens, meines Hortes der Geborgenheit? Eine von Zweifeln dominierte Anspannung hatte mich einige Sekunden vor unserem Auftritt fast vollständig im Griff und kurzzeitig überkamen mich Fluchtgedanken. Warum tue ich mir das nur immer wieder an? Aber vielleicht war es auch der besondere Ort, an dem ich mir meiner Gefühle wieder nicht bewusst war und mein Körper für sie herhalten musste. Diese Lesungen werden immer Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit sein, die heute nicht minder schmerzen, als in jener Zeit, ja manchmal sogar noch mehr...
Auch wenn diese Lesung eher wie ein Film vor mir ablief, spürte ich doch deutlich, dass sie viel mit mir zu tun hat. Göran meinte später, das sei Authentizität, ich jedoch zweifelte, mir das in diesem Maße weiterhin antun zu müssen. Echtes Leiden auf einer Bühne, ganz ohne Schauspielerei in fast intimster Atmosphäre? Wie oft soll ich denn noch um die Menschen trauern, die mich verließen oder die ich verlassen habe? Wie oft noch meine whiskeygeschwängerte Talfahrt erleben? Und wie oft soll ich noch Mut machen? Mir wurde gesagt, dass ich das könne. Wer, wenn nicht ich, der das alles selbst erlebt hat, solle mit Betroffenen ins Gespräch kommen? Einige Male habe ich das nun schon gehört. Ja, endlich trauere ich... Immer und immer wieder! Diese endlich erlebte Trauer lässt mich jedoch auch ganz zaghaft neue Bindungen aufbauen. Endlich... Gerade die kurzen Gespräche nach der Lesung mit Betroffenen machten es deutlich, dass es wohl doch sinnvoll ist, hin und wieder aus dem eigenen Erlebten zu plaudern. Der Blick zurück schmerzt, der nach vorn birgt Hoffnung. Mein persönlicher heißt Puls T. Am Montag sahen wir uns unsere Wunschlocation für unseren ersten Auftritt an. Auch dort wird es wohl wieder eng, auch dort werde ich auf Tuchfühlung mit dem Publikum sein. Ich hoffe, diese Nähe dann zulassen zu können. Aber ich habe ein gutes Gefühl und jetzt sogar ein wenig Lampenfieber. Wohl ganz normal, wie die Gefühle bei einer Lesung, die aus dem Innersten kommt. Ich kenne diese Zustände nun schon lange. Es gab auch damals Auftritte, bei denen es mir furchtbar schlecht ging. Aber es gab weitaus mehr gute und erfüllende Konzerte. Deshalb will ich dem nicht so viel Raum geben, will einfach weitermachen und mein Leben trotz aller Widrigkeiten gestalten. Genau diese Gedanken wollte ich eben auch den Patienten am vergangenen Mittwoch mitgeben. Es kann ein lebenswertes Dasein selbst mit Depressionen und Suchterkrankungen geben, auch wenn es hin und wieder sehr schwere Momente gibt. Daran will ich einfach glauben...
Ich wünsche allen Betroffenen einen erfolgreichen Weg durch die Krankheit sowie den Pflegekräften, Ärzten, Therapeuten und Mitarbeitern der Einrichtung, dass sie trotz aller wirtschaftlich auferlegten Zwänge ihrer Arbeit weiterhin mit dem Herzen nachgehen können. Vielen Dank an Petra Fleischer für die Idee und die Organisation, Edda Gehrmann für die Fotos und Herrn Zach für die Unterstützung. Und natürlich vielen Dank an meine beiden Mitstreiter Stefanie und Göran.
Bilder: Edda Gehrmann |