| Brotlose Kunst? |
| Freitag, den 31. Dezember 2010 um 11:47 Uhr |
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Das Jahr geht zur Neige, das kalendarische wie mein persönliches, was ich, manchmal bewusst, manchmal in der Tiefe meines Hirns, immer wieder zum Anlass nehme, Vergangenes Revue passieren zu lassen und auf das wohl Kommende zu blicken. Das Jahr begann nicht gut: Krankheit, Schwäche und gelegentliche Zweifel zogen sich bis tief in die zweite Jahreshälfte hinein. Leben mit der Krankheit heißt auch, ein Leben akzeptieren zu müssen, das ich eigentlich nicht leben will. Nur partiell gelingen mir Ausflüge in die Freude, in Entspannung, in Momente tiefer Fühlbarkeit meines Ichs. Wahrscheinlich habe ich nun andere Süchte zu bedienen, seitdem ich den stoffgebundenen weitgehend abgeschworen habe. Wie sonst ließe sich erklären, dass ich wirklich erst einen Tag vor unserer Premiere mit Puls-T aus dem Zustand des bloßen Funktionierens erwacht bin und endlich wieder einmal Gefühle zulassen konnte? Wo kamen meine Tränen nach dem Auftritt her und wo das Hochgefühl, das über Tage anhielt? Ich lebte wahrhaftig, auch wenn nur für Momente, bevor die Geißeln meiner Sozialisation mich so kurz vor Jahresabschluss wieder lähmen. So möchte ich nicht ins neue Jahr gehen! Ich will etwas von dieser entfesselten Kraft mitnehmen hinüber, in eine hoffentlich lebenswertere Zeit. Eine innere Stimme sagt mir, dass ich kämpfen müsse, möglicherweise jeden Tag. Ein seltenes Gefühl von Selbstschätzung hält mich ergriffen und ich möchte ein Stück davon bewahren und in die Tage hineinretten, in denen ich mir weniger wert bin. Den eigenen sozialen Absturz vor Augen stelle ich mir hin und wieder die Frage nach Wertigkeiten. Da helfen die Bilder von den Menschen, denen es materiell wesentlich schlechter als mir geht, nur für kurze Zeit aus der Frustration. Was fehlt? Geld, Anerkennung, Liebe? Ich muss für mich sortieren, wieder mal. „Such dir einen Job und ernähre deine Familie...“ gibt es Stimmen. Mein Gott, das will ich. Nichts lieber als das. Wo aber ist das, was für mich angemessen ist, was ich ertragen kann, ohne, dass es mich umbringt? Was kann ich tun? Ist es denn keine Arbeit, die ich gerade tue, auch wenn sie mir nicht entlohnt wird? Mein Gott, die letzten drei Jobs haben mich krank gemacht. Ich bewundere diejenigen, welche jeden Tag zur Arbeit gehen, diese schlimmen Zustände dort irgendwie ertragen können, die nicht an dem zerbrechen, was heutzutage normal zu sein scheint. Weil es uns eingeredet wird, weil wir es glauben, weil wir scheinbar denken, dass ein Planet voller Reichtum uns nicht mehr ernähren kann. Wenn ich erleben muss, wie unglücklich viele Menschen heute auf ihren Arbeitsplätzen sind, von denen, die keine Arbeit haben, mal ganz zu schweigen, macht mich das sehr nachdenklich, traurig, manchmal auch wütend. Arbeit, über die wir uns eigentlich identifizieren sollten, Arbeit, die wir gerne machen, mit dem Herzen und Liebe, deren Produkte wir mit Stolz vertreten können, scheint sehr selten geworden zu sein. Oft erlebe ich an Arbeitsplätzen nur noch Angst. Ist es wirklich so eng geworden auf dieser Welt? Hat uns die Gier so fest im Griff? Wie oft musste ich hören, ich solle den Quatsch mit der Musik sein lassen, mir etwas solides suchen. Scheinbar ist „das Solide“ nicht mehr meine Schuhgröße, scheinbar sind die ständigen Anfeindungen und Grabenkämpfe am Ende der Nahrungskette unerträglich für mich. Scheinbar macht mich die fehlende Achtung untereinander einfach nur noch krank, fast handlungsunfähig, so dass ich mich hin und wieder auf dem Rückzug befinde. Aber bin ich ein Parasit, weil ich weiß, was ich will und weil ich genau weiß, was ich nicht mehr ertragen kann? Soll ich das aufgeben, was mein Leben ist? Soll ich wieder dorthin gehen, wo ich noch ein Stück mehr krank werde? Das Leben des Musikers, der Zwang, genau das tun zu müssen, ist oft genug doch schon ein Fluch an sich. Den ernsthaften, wahrheitsverkündenden Künstler, den mit dem bewegenden und eingängigen Ausdruck, den erlebe ich, bis auf ganz wenige Ausnahmen, heute eher als Pfleger einer brotlosen Kunst, als Idealisten, der sein Ding durchzieht, abseits der gängigen Meinung, etwas „Vernünftiges“ tun zu müssen. Mein subjektives Erleben verrät mir, dass es immer schwieriger wird, etwas eigenes zu machen, dass jenseits vorgefertigter, auf kurzfristigen Gewinn abzielender Strukturen liegt. Wie oft schauen wir noch hinüber zu dem Baum, der lange wachsen und einiges überstehen muss, ehe er fest verwurzelt in der Landschaft steht?Gerade jener Baum vor meinem Haus erinnert mich daran. Ich habe damals gesehen, wie er eingepflanzt wurde. Heute steht er mit seinen stattlichen Brüdern und Schwestern wie ein Bollwerk vor meiner Tür. Über dreißig Jahre ist das jetzt her. Mein Gott, alt wie ein Baum...
Welche ist meine Richtung? Ich muss wohl diesen Weg gehen, den unsicheren, den gewagten, den belächelten. Ich merke doch seit Jahren, dass er vorherbestimmt zu sein scheint. Zumindest in meinem Glauben. Ich kann es nicht mehr, bin dessen so müde geworden, mit Anlauf in eine Richtung zu rennen, um morgen schon in eine andere gerissen zu werden. Bin ich Schlachtvieh einer kopflosen Herde geworden? Warum schreibe ich das ganze hier? Warum die Worte über meine ureigenen Gedanken? Ich stecke in einem wahnsinnigen Dilemma fest. Ohne wirklich finanzielle Mittel zu besitzen glaube ich an eine Sache, die ich liebe und die ich voran bringen will. Ich liebe diese Band, der ich einen guten Weg prophezeie, der aber bisher schon viel Kraft gekostet hat und es auch weiterhin tun wird. In meinen dunkelsten Stunden glaube ich, diese Kraft nicht mehr lange aufbringen zu können. Nach den Phasen des Durchatmens sehe ich dann das Potential, das Gefühl, die Wahrhaftigkeit dieser Band. Spätestens beim ersten Auftritt hat es hoffentlich jeder gefühlt, der mit ihr Verbindung steht.
Lasst uns uns selbst wieder ernst nehmen und nicht an persönlichen Befindlichkeiten zerbrechen. Akzeptanz des anderen und Einfühlungsvermögen gehören dazu. Mir ist das jeweilige Feeling, die Momente des Spiels, egal ob im Proberaum oder auf der Bühne, weitaus wichtiger, als der damit verbundene Erfolg. Warum aber tue ich das? Weil ich wirklich daran glaube. Ich glaube, dass sich diese Welt wieder nach Gefühlen, vor allem aber nach Mitgefühl sehnt. Ist es vernünftig, meine ganze Kraft in etwas zu stecken, von dem ich, zumindest finanziell, nicht leben kann? Ich weiß es manchmal selbst nicht, weiß aber, dass diese Band leben sollte, aus der auch ich in Stunden des Zweifels meine Kraft ziehe. Ist diese Art der Arbeit wertlos geworden? Wo wären wir, hätten sich nicht Menschen seit grauen Vorzeiten gegen gängige Meinungen gestellt, meist entgegen dem Sicherheitsbedürfnis ihrer Mitmenschen. Wo wären wir, wenn es nicht Menschen mit Visionen gegeben hätte? Wir würden wohl noch mit Faustkeilen in unseren Höhlen sitzen. Vielleicht hätten wir nichtmal diese primitiven Hack-, Schlag- und Schneideinstrumente. Manchmal sehe ich das kleine Mädchen, das den Künstler bewundert, aber nicht weiß, was es bedeutet, dieses Leben mit ihm zu teilen. Vielleicht sollten wir nicht alles in Geld messen, auch wenn es sicher schwer fällt, gerade jetzt in den Zeiten der Angst, in denen wir uns wieder verstärkt Feindbilder aufbauen, Stimmen nach der Schließung kultureller Einrichtungen laut werden und ganze Bevölkerungsgruppen verunglimpft werden.
Vielleicht sollten wir uns bewusst werden, was Musik, egal welcher Art, in unserem eigenen Leben bedeutet und dadurch ihren Wert wieder erkennen. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, das sagte uns einst schon Nietzsche. In Bezug auf mich hat er da völlig recht. Scheinbar bin ich auf dem Weg zu wirklichem Reichtum...
Ich schließe hier und schreibe weiter an einem Roman. Den wollte ich eigentlich schon im vergangenen Jahr veröffentlichen. Jetzt wird er noch einmal komplett überarbeitet und bekommt eine neue Richtung. In jeder Beziehung...
Ich wünsche uns allen ein friedliches neues Jahr, in dem wir uns mit Achtung und Wertschätzung begegnen. |







